Dunkle Nacht der Seele: Wenn die göttliche Anbindung nicht mehr fühlbar ist

Person sitzt in einem dunklen Raum am Boden neben einem Fenster, während ein einzelner Lichtstrahl den Raum erhellt. Das Bild symbolisiert die Dunkle Nacht der Seele, innere Sehnsucht und die Suche nach Verbundenheit.

Inhalt

Einführung

Es gibt Momente auf dem spirituellen Weg, die sich mit Worten kaum greifen lassen. Einer der intensivsten und zugleich herausforderndsten Zustände war für mich das, was Mystiker seit Jahrhunderten die „Dunkle Nacht der Seele“ nennen.

Ich kannte diesen Ausdruck lange, bevor ich wirklich verstand, was damit gemeint sein könnte. Heute verbinde ich ihn mit einer sehr konkreten eigenen Erfahrung aus meinem 49-tägigen Dunkelretreat.

Stell dir vor, du hast über Jahre eine feine Verbindung zum Göttlichen oder einer höheren Ebene – wie ein leises Grundrauschen, ein Schimmer im Hintergrund. Oder auch wie ein Stern am Himmel, der in herausfordernden Momenten Orientierung gibt. Und dann – von einem Moment auf den anderen – ist alles weg. Keine Anbindung, keine Resonanz, nur noch Stille. Aber nicht die friedvolle Stille, sondern eine trockene, staubige Leere.
 
In diesem Artikel teile ich mit dir, wie ich diese Phase während meines 49-tägigen Dunkelretreats erlebt habe und warum diese Erfahrung mein Verständnis von Spiritualität grundlegend verändert hat.

Meine erste Begegnung mit dem Begriff Dunkle Nacht der Seele

Meine erste Begegnung mit dem Begriff „dunkle Nacht der Seele“ liegt etwa zehn Jahre zurück. In einem Kloster hörte ich Pater Reinhard Körner – ein Karmelit, der sich intensiv mit Johannes vom Kreuz beschäftigt hat, über die „dunkle Nacht der Seele“ sprechen. Er beschrieb sie als einen tiefen Schmerz, der entsteht, wenn nach einer tief berührenden Gotteserfahrung die Verbindung zum Licht nicht mehr fühlbar ist. 

Damals verstand ich die Bedeutung seiner Worte nur teilweise. Ich war ohne Bezug zur Kirche aufgewachsen. Auch wenn ich schon viele spirituelle Erfahrungen erlebt hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass das Nicht-mehr-Fühlen einer zuvor erfahrenen Gottesnähe einen so tiefen Schmerz auslösen kann.

Ich dachte eher pragmatisch: „Wenn die Verbindung weg ist, ist es eben wieder so wie früher, als es sie noch nicht gab.“
 
Heute weiß ich: Das war ein Irrtum. Der Schmerz entsteht nicht durch die Abwesenheit des Lichts, sondern durch die Erinnerung an das Licht, während man im Dunkeln steht.

Wenn das Licht nicht mehr spürbar ist: Theorie trifft auf nackte Realität

Während meines siebenwöchigen Dunkelretreats wandelte sich das intellektuelle Konzept in eine existenzielle Erfahrung. Ich hatte gedacht, dass sich meine Anbindung im Dunkelraum vertiefen würde. Stattdessen verbrachte ich etwa 45 der 49 Tage in einer Art „inneren dunklen Kelleratmosphäre“.

Es war nicht einfach nur eine schwierige Stimmung. Es war eine spirituelle Dürre. Jeder Versuch, die Verbindung wiederherzustellen, scheiterte:
 
  • Kein innerer Prozess griff mehr.
  • Gebete fühlten sich hohl und leer an.
  • Spirituelle Techniken blieben ohne jede Resonanz.

     

Auch die Erinnerung an frühere spirituelle Erfahrungen brachte keinen Trost. Sie war zwar da, aber ohne Wärme, ohne Lebendigkeit, ohne fühlbare Gegenwart. 

Ich war von einer Dichte umgeben, die keinen Ruf hindurchließ. Das Heiligste ließ sich nicht herbeizwingen.

Die verzehrende Kraft der Sehnsucht

Je länger die Anbindung fehlte, desto brennender wurde das Verlangen nach:

  • dem Gefühl von wahrem SEIN
  • der lebendigen Stille
  • dem vertrauten Gefühl von innerer Heimat und dem „Ich bin“
  • einem winzigen Hauch bedingungsloser Liebe.

Dieser Zustand war schmerzhafter als jede Trauma-Arbeit, die ich zuvor durchlebt hatte. Es fühlte sich verzehrend an, weil ich wusste, was möglich ist, aber keinen Zugriff mehr darauf hatte – weder durch Verstehen noch durch Wollen.

Die dunkle Nacht der Seele ist für mich keine gewöhnliche Krise

Heute würde ich die dunkle Nacht der Seele nicht mit jeder dunklen Lebensphase gleichsetzen.

Natürlich gibt es Krisen, Trauer, Erschöpfung, innere Kind-Prozesse, Trauma-Aktivierungen oder Zeiten großer Orientierungslosigkeit. All das kann sich dunkel und sehr schmerzhaft anfühlen.

Doch die dunkle Nacht der Seele hat für mich eine besondere Qualität, die ich nur schwer beschreiben kann.

Sie betrifft nicht nur ein Problem im Leben. Sie betrifft die Beziehung zum Licht selbst. Zu Gott. Zum Heiligsten. Zu jener inneren Anbindung, die vorher still im Hintergrund anwesend war – und plötzlich wie gekappt schien.

Von außen betrachtet sah alles still aus. Innerlich aber brannte eine Sehnsucht, die kaum auszuhalten war, weil sie sich auf etwas richtete, das unerreichbar erschien.

Es gab zwischendrin lediglich wenige kurze Momente, in denen eine homöopathische Verdünnung der vertrauten Verbindung zum Licht wieder aufschimmerte. Gerade deshalb waren diese Augenblicke so kostbar. 

In dieser Zeit wurde mir bewusst, mit wie wenig ich zufrieden gewesen wäre. Ein einziger kurzer Moment der lichtvollen Atmosphäre hätte mir genügt.

Was diese Erfahrung verändert hat

Erst gegen Ende des Dunkelretreats entstand wieder eine zarte Ahnung von Nähe zum Heiligen. Doch kaum war dieses Gefühl wieder spürbar, war das Retreat auch schon vorbei.

Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung der dunklen Nacht der Seele, auch wenn sie schmerzhafter war als vieles, was ich zuvor aus meiner inneren Arbeit kannte. Gleichzeitig hat sie meinen Blick auf spirituelle Entwicklungswege vertieft.

Meine wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit: Die Dunkle Nacht der Seele ist für mich kein Zeichen von Scheitern. Sie wurde zu einer Phase der Transformation, in der ich lernte, dass es etwas gibt, dem ich nur mit Hingabe und Demut begegnen kann.

Ich kann Gnade  zwar erbitten, doch danach ist es genauso wichtig, die Bitte in den Herzbriefkasten zu legen, sie abzuschicken und mich wieder dem Jetzt zuzuwenden. Auch dann, wenn es sich nicht angenehm anfühlt. In der Sehnsucht hängenzubleiben, wäre Marter. Auf diese Weise wächst die Liebe in mir.

Die dunkle Nacht der Seele ist heute für mich nicht mehr nur ein Begriff, den ich einst von Pater Körner gehört habe. Ich habe die Bedeutung seiner Worte körperlich und seelisch erfahren.

Manche Beschreibungen lassen sich nur fühlend verstehen. Erst im eigenen Durchleben bekommen Worte eine tiefere Bedeutung.

Fazit – Was von der Dunklen Nacht der Seele bleibt

Rückblickend war die dunkle Nacht der Seele keine isolierte Krise, sondern der Kulminationspunkt einer jahrzehntelangen inneren Reise. Mein Weg bis zu dieser Grenzerfahrung verlief in drei Etappen:

  1. Die Phase der Abwesenheit: Ich wuchs ohne religiösen Bezug auf. Da es in meinem damaligen Weltbild schlichtweg kein Konzept von Gott oder einer höheren Führung gab, vermisste ich auch nichts. Der Schmerz der Trennung war mir damals völlig fremd – und ehrlich gesagt nicht einmal vorstellbar. 

  2. Die Erfahrung des Lichts: Zwischen 1998 und 2016 schenkte mir das Leben tiefe, lichtvolle Erlebnisse. Ich erfuhr eine strahlende Dimension jenseits von Raum und Zeit, erfüllt von bedingungsloser Liebe, erhabener Stille, uraltem Wissen, begnadeter Weisheit und tiefem Frieden. Diese feine Verbindung begleitete mich jahrelang wie ein leiser Schimmer im Hintergrund.
    (Falls du davon lesen möchtest: Ich habe diese berührenden Erfahrungen in meinem zweiten Buch beschrieben: Im Dunkelretreat – 26 Tage Dunkelheit. Ein Bewusstseins-Experiment.)

  3. Die Prüfung im Dunkelretreat (2025/2026): Plötzlich schien die Anbindung gekappt. In der Stille meines 49-tägigen Retreats wurde die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat zu einer qualvollen und zugleich klärenden Kraft.

 

Die wichtigste Lektion dieser Zeit: Vor Beginn meines 7-wöchigen Dunkelretreats hatte ich angenommen, meine Anbindung an das Licht würde sich in der langen Zeit der Stille und Dunkelzeit vertiefen. Ich ahnte auch, dass es eine Herausforderung sein könnte, nicht nach Licht-Erlebnissen zu greifen – doch ich wollte mich der Herausforderung stellen.

Es kam tatsächlich so – allerdings auf eine völlig andere Weise, als ich vermutet hatte.

Statt im Licht zu baden, stand ich die meiste Zeit im Dunkeln – an der bis dahin tiefsten Stelle meines Seins. Die Verbindung nach oben erschien wie abgeschnitten. Die Sehnsucht nach der Wärme des Lichts wurde beinahe unerträglich, bis ich immer klarer erkannte: Entscheidend ist nicht, das Licht herbeizusehnen. Entscheidend ist, mich dem Jetzt zuzuwenden – auch dann, wenn es sich alles andere als angenehm anfühlt.

Heute verstehe ich: Das Licht war nie verschwunden – es war nur lange nicht fühlbar.

Diese Unterscheidung ist subtil, aber essenziell. Vielleicht gehört es zum spirituellen Reifeprozess, durch Phasen absoluter Trockenheit zu gehen. Es scheint wie eine Einladung zu sein, im Hier und Jetzt präsent zu bleiben – selbst wenn das „Lebenselixier“ der spürbaren Verbundenheit gerade gefühlt gar nicht oder nur tröpfchenweise fließt.
 
Wenn du tiefer in diese Erfahrung eintauchen möchtest, findest du im verlinkten Video weitere persönliche Einblicke aus meinem Dunkelretreat.

🎥 Dunkle Nacht der Seele: Bedeutung und meine Erfahrung

Inhalt

Saskia John

Über die Autorin:

Saskia John ist Tierärztin, Heilpraktikerin und Autorin. Seit 1994 begleitet sie in eigener Praxis Menschen auf ihrem Weg zu seelischer Heilung, innerer Klarheit und spirituellem Wachstum.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die bewusste Hinwendung zur eigenen Innenwelt. Sie unterstützt Menschen darin, unbewusste Muster zu erkennen, zu wandeln und neue Wege im Umgang mit sich selbst und anderen zu gehen. Dabei verbindet sie Familienstellen, emotionale Prozessarbeit, Innere-Kind-Arbeit und Dunkelretreat-Begleitung mit therapeutischer Erfahrung, spiritueller Praxis, persönlicher Lebenserfahrung und einer fein geschulten Wahrnehmung für innere Zusammenhänge.

111 Tage eigener Dunkelretreat-Erfahrung prägen ihren Blick für das, was sichtbar wird, wenn äußere Orientierung wegfällt und die Innenwelt in den Vordergrund tritt.

Ihre Bücher „Grenzerfahrung Dunkelretreat“ und „Im Dunkelretreat: 26 Tage Dunkelheit – Ein Bewusstseinsexperiment“ geben Einblick in ihre Erfahrungen, Erkenntnisse und inneren Wandlungsprozesse.

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