Kindlichen Trotz verstehen: Der sichere Weg zu einer harmonischen Eltern-Kind-Beziehung

Kindlicher Trotz - Was steckt wirklich hinter den Wutausbrüchen? - Saskia John

Inhalt

Einführung

Im Alltag des Elternseins begegnen wir oft Momenten, in denen unsere Kleinen uns mit einem bestimmten Verhalten herausfordern, das wir Erwachsenen als “kindlichen Trotz” benennen. Vielleicht hast du es selbst erlebt: Dein zwei- oder dreijähriges Kind handelt in einer Weise, die dir nicht behagt, und deine Reaktion darauf löst eine kleine Explosion aus. Das Kind wirft sich zu Boden, und du stehst da, überrascht und entrüstet, und denkst: “Oh nein, schon wieder diese Trotzphase.” Doch was ist kindlicher Trotz wirklich?

Warum kindlicher Trotz oft ein Missverständnis ist 

Wenn Klienten mit kleinen Kindern zu mir kommen, dann deswegen, weil sie nicht wissen, wie sie mit den sich ständig wiederholenden Trotzmomenten ihrer Kleinen umgehen sollen. Schimpfen führt zu noch mehr Wut, und die Eltern sind verzweifelt, weil sie nicht verstehen, warum ihr Kind so trotzig und wütend ist.

Gemeinsame Analyse des Trotzverhaltens

Gemeinsam mit den Eltern reflektiere ich, was eigentlich hinter dem Begriff “trotzig” steckt. Oft werden die Kinder als trotzig bezeichnet, wenn sie aus Sicht der Eltern auf ein Verbot oder eine “ganz normale Aussage” wütend und bockig reagieren. Doch in Wirklichkeit spiegelt das Verhalten des Kindes seine Verärgerung wider.

In den Gesprächen wird deutlich, dass die Kinder nicht auf den Inhalt der Verbote  oder Aussagen reagieren, sondern auf die

  • Lautstärke und Härte in der Stimme der Erwachsenen,
  • böse funkelnde Augen oder
  • bedrohlich wirkende Körperhaltung (z. B. Zeigefinger heben, Arme in die Hüften stemmen, andeuten von Zuschlagen wollen),


mit denen die Aussagen und Verbote ausgesprochen werden.

Solch eine Körpersprache seitens Erwachsener wird als schmerzhaft empfundene Bedrohung und Zurückweisung empfunden, die in kleinen Kindern starke Angst auslöst. Genauer gesagt: existenzielle Angst.

Um sich emotional zu stabilisieren, wehren sie die Existenzangst mit den drei zur Verfügung stehenden unbewussten Überlebensmechanismen ab: Angriff, Flucht oder Totstellen. Sie ziehen sich entweder erschrocken zurück und bleiben wie erstarrt sitzen, oder sie werfen sich wütend zu Boden.

Letzteres Verhalten interpretieren wir Erwachsenen dann als kindlichen Trotz. Doch ist es unsere Interpretation, ohne dass wir beim Kind nachfragen, ob unsere Interpretation überhaupt stimmt. Wir unterstellen dem Kind, dass es wütend sei, “weil es seinen Willen nicht bekommt!”

Doch stimmt das wirklich? In unzähligen Situationen, die ich mit meinen Klienten analysiert habe, zeigte sich, dass diese Annahme seitens der Eltern nie die Wahrheit des Kindes widerspiegelte. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass es so ist, “wie ich denke!” Das sind also lediglich Annahmen und Vermutungen. Vorverurteilung und Unterstellung nenne ich das, ohne die Motive und die emotionale Lage des Kindes zu kennen.

Diese unhinterfragten Unterstellungen tun dem Kind weh, weil es sich in seiner Wahrheit nicht gesehen, sondern bestraft fühlt, ohne dass es versteht und weiß, wofür. Ist das fair gegenüber unserem Kind?

Damit, liebe Eltern, habt ihr gerade den Grundstein für den nächsten Wutanfall eures Kindes gelegt!

Aus meiner Sicht ist es wirklich wichtig, dass wir Erwachsenen uns unser Verhalten bewusst machen: Wie wir oft (unbewusst) genau zu dem Verhalten unserer Kinder beitragen, das wir nicht wollen – und wofür wir hinterher unser Kind verurteilen und bestrafen. 

Grundbedürfnisse der Kinder nach Zugehörigkeit, Schutz, Sicherheit und Verständnis - Saskia John

Was steckt wirklich hinter den Wutausbrüchen?

Kindlicher Trotz ist nicht einfach Ungehorsam. Er ist vielmehr ein Ausdruck von emotionaler Verletzung und dem unerfüllten Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit, Schutz und Verständnis.

Kinder befinden sich in einer Abhängigkeit von uns Erwachsenen. Sie können sich nur durch Emotionen ausdrücken und durch ihre emotionale Reaktion zeigen, dass ihre Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, emotionaler Verbindung, Sicherheit, Schutz, Liebe und Geborgenheit nicht erfüllt sind. Diese Erkenntnis ist der Schlüssel zu einer harmonischen Eltern-Kind-Beziehung. 

Wichtig ist zu beachten, dass bei der Beurteilung, ob die Grundbedürfnisse eines Kindes erfüllt sind oder nicht, weniger unsere erwachsene rationale Sichtweise auf einen Sachverhalt zählt. Entscheidend ist, wie das Kind sich in der Situation mit uns (oder anderen) fühlt. Nicht, wie wir Erwachsenen uns mit unserem Kind oder mit der Situation fühlen.

Sind wir Erwachsenen getriggert, hat das mit unserer unverdauten und verdrängten Vergangenheit zu tun. Denn unsere Emotions- und Verhaltensmuster sind in der Beziehung mit unserer Herkunftsfamilie geprägt worden. Und nur dort lassen sie sich auch wieder auflösen. Nicht das Kind, dem wir Trotz unterstellen, müsste sich in seinem Verhalten ändern, damit die Harmonie wieder hergestellt wird, sondern wir!

Unsere in unserer Kindheit entstandenen emotionalen Druckknöpfe zu erkennen und abzubauen, liegt in der Verantwortung von uns Erwachsenen. Andernfalls geben wir ungewollt und ohne böse Absicht unsere Traumata an die nächste Generation weiter.

Kindliche Bedürfnisse hinter dem Trotz erkennen

Praktische Tipps für eine liebevolle Eltern-Kind-Beziehung

Aus den vorangegangenen Ausführungen geht hervor, dass Kinder nicht trotzig reagieren, weil sie etwas nicht bekommen. Sie reagieren ärgerlich oder wütend, weil sie sich uns Erwachsenen gegenüber ausgeliefert, hilflos, nicht gesehen und nicht verstanden fühlen.

Wie lässt sich diese Situation nachhaltig lösen?

Aus der Sicht des Erwachsenen kann sich eine Situation, in der ein Kind wütend reagiert (kindlicher Trotz), ebenfalls sehr herausfordernd anfühlen. Nicht selten triggert das scheinbar trotzige Verhalten der Kinder bestimmte Reaktionsmuster bei den Eltern.

Eltern oder andere erwachsene Bezugspersonen können jedoch ihr Verhalten den Kindern gegenüber so ändern, dass diese weder trotzig noch bockig reagieren brauchen. Was brauchen die Kinder dafür? Liebe, Güte, Nachsicht und Verständnis, wenn sie etwas noch nicht können.

Sich als Erwachsener in seinem Verhalten selbst zu reflektieren und sich bewusst zu werden, dass das sogenannte trotzige Verhalten des Kindes eine Gegen- oder Verteidigungsreaktion auf das eigene Verhalten ist, ist bereits der erste wichtige Schritt, um die Situation liebevoll aufzulösen. 

In vielen Fällen – soweit möglich – hilft es, wenn der Erwachsene für einen kurzen Moment aus der Situation herausgeht, tief durchatmet und sich bewusst daran erinnert, dass ein Kleinkind zu keiner Zeit beabsichtigt, seine Eltern zu verletzen oder zu verärgern. Sondern dass es schlichtweg noch nicht die Fähigkeiten besitzt, sich anders zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu äußern, die es in diesem Moment spürt oder vermisst. 

Mein Lesetipp: 

Deine Trigger im Griff: So bleibst du ruhig und gelassen

Verständnis und liebevoller Umgang fördert eine gesunde emotionale Eltern-Kind-Beziehung - Saskia John

Warum ist es so wichtig, ein tieferes Verständnis für den kindlichen Trotz zu entwickeln?

Wenn wir Eltern es schaffen, unseren Kindern zu helfen, ihre eigenen Gefühle ausleben, entwickeln und verstehen zu können, ebnen wir den Weg für eine gesunde emotionale Eltern-Kind-Beziehung. Zudem fördern wir damit die emotionale Intelligenz unserer Kinder.

Im sicheren und verständigen Umfeld der Eltern lernen die Kinder im Laufe der Jahre (ja, es ist normal, dass ein Kind für diesen komplexen Lernprozess Jahre braucht!), ihre Gefühle mehr und mehr selbst regulieren zu können. Um diese emotionale Intelligenz entfalten zu können, braucht ein Kind jedoch, dass wir Erwachsenen die kindlichen Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Schutz, Verbindung, emotionalen Halt und Geborgenheit erfüllen. Diese Voraussetzungen für unsere Kinder zu schaffen, liegt in unserer Verantwortung.

Ein Kind, dass sich verstanden und sicher fühlt, reift emotional gesund heran. Es steht innerlich auf einem festen Fundament, entwickelt durch den elterlichen emotionalen Halt eine innere Stabilität und ist später den Herausforderungen des Lebens gewachsen. Auf diese Weise für das Leben gerüstet, kann es an die nächste Generation weitergeben, was es von den Eltern genommen und gelernt hat.

Letztendlich schafft ein tieferes Verständnis für den sog. kindlichen Trotz mehr Harmonie in der ganzen Familie. 

Fazit – Beziehung statt Konfrontation

Kindlicher Trotz kann für Eltern sehr herausfordernd  sein. Wenn wir Erwachsenen ein tiefes Verständnis für die kindlichen Emotionen und Bedürfnisse haben oder ggf. entwickeln, ist es möglich, eine harmonische Familienatmosphäre zu gestalten und eine gesunde emotionale Reifung sowie innere Stabilität unseres Kindes zu fördern. 

Langfristig werden durch die innere Heilarbeit der Eltern alle Seiten davon profitieren. Indem wir Erwachsenen durch Veränderung unserer Sicht- und Verhaltensweisen die Grundbedürfnisse unserer Kinder besser verstehen und erfüllen können, schaffen wir eine liebevolle Verbindung zwischen uns und unserem Kind, die das Kind auch fühlen kann.

Auf diese Weise stärken und unterstützen wir unser Kind für das gesamte weitere Leben. Denn welche Verhaltensmuster auch immer wir in der Beziehung zu unserem Kind aufbauen: Sie verschalten sich im Gehirn des Kindes und werden zu nachhaltigen starken Mustern, die entweder förderlich oder blockierend für das weitere Leben des Kindes sind. 

In meinem YouTube-Video Kindlicher Trotz – Ein emotionales Signal für unerfüllte Bedürfnisse erkläre ich dir noch einmal anschaulich an einem Beispiel, was kindlicher Trotz bedeutet. Schaue es dir gerne begleitend an:

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Saskia John

Über die Autorin:

Saskia John wurde in der ehemaligen DDR geboren und studierte dort Veterinärmedizin. Nach der Wende absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Seit 1994 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis. Sie unterstützt Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu Heilung und spirituellem Wachstum.
Dabei greift sie auf langjährige Erfahrung in der Trauma Heilung, Inneren-Kind-Arbeit und in der Begleitung von Dunkelretreat-Prozessen zurück. Ihre Arbeit ist geprägt von Reisen nach China und Japan, die sie mit fernöstlichen Heilmethoden in Berührung kommen lassen.
Das Dunkelretreat ist ihr Herzens- und Forschungsprojekt. Sie selbst verbrachte insgesamt 62 Tage in absoluter Dunkelheit. „26 Tage Dunkelheit – Ein Bewusstseins-Experiment“ ist ihr zweites Buch.

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