Vor dem 49-Tage-Dunkelretreat: Zwischen Entscheidung und Eintritt in den Dunkelraum

Vor dem 49-Tage-Dunkelretreat steht eine Frau mit geschlossenen Augen vor einem dunklen Eingang. Zwischen Zweifeln, innerer Klärung und dem Ruf nach Veränderung richtet sie sich auf ihren Weg ins Unbekannte aus.

Inhalt

Einführung

Vor dem 49-Tage-Dunkelretreat begann für mich eine sehr intensive innere Zeit: die Monate zwischen meiner Entscheidung und dem Eintritt in den Dunkelraum.

49 Tage ohne Licht. Ohne Uhr. Ohne äußere Ablenkung.

Von außen wirkt ein Dunkelretreat vielleicht wie ein klarer Schritt: Ich gehe hinein – und dann ist es dunkel. Innerlich war es anders. Für mich begann dieser Weg nicht erst mit dem Ausschalten des Lichts. Er begann vorher. In Schichten. In inneren Bewegungen, die im Alltag oft überlagert bleiben.

Dieser Artikel gibt Einblick in genau diese Phase: in das, was in mir geschah, bevor die Dunkelheit begann.

Wenn sich der Blick auf die Gedanken verändert

In den Wochen vor dem Retreat veränderte sich mein Blick auf meine Gedanken.

Natürlich waren Gedanken da – wie bei jedem Menschen. Doch etwas verschob sich: Sie wirkten nicht mehr so selbstverständlich wahr. Sie traten deutlicher hervor. In ihrer Bewegung. In ihrer Qualität. In ihrer Wirkung.

Manchmal kam mir dafür das Bild einer Gärtnerin. Auf meinem inneren Feld wuchsen Pflanzen, die dort nicht hingehörten. Nicht schlecht. Nicht krank. Aber fremd. Nicht das, was ich weiter nähren wollte.

Mein Alltag wurde in dieser Zeit zu einer Art Innenraumklärung. Es fühlte sich an, als würde ich versuchen, eine befahrene Landstraße vom Staub zu reinigen. Kaum war sie sauber, fuhr das nächste Auto darüber. Wieder Staub. Und der Kopf sagte: „Siehst du. Bringt nichts.“

Sehr überzeugend. Sehr logisch. Und – wie sich später zeigte – völlig falsch.

Wenn Gedanken nicht „meine“ sind

In den Wochen vor dem 49-Tage Dunkelretreat tauchten verstärkt Fragen und Zweifel auf. Wie wird es mir nach dem Dunkelretreat gehen? Wie verändert sich mein Blick auf die Welt? Wie komme ich zurück in den Alltag? Was geschieht mit meinem Denken, meinem Körper, meiner Praxis, meinem ganzen Leben?

Auf diese Fragen hatte ich keine Antwort. Und genau diese Ungewissheit brachte etwas in mir in Bewegung. Sie ließ Zweifel aufkommen: Ist dieser Schritt wirklich richtig? Soll ich wirklich für 49 Tage ins Dunkelretreat gehen? Was ist, wenn ich mich danach verändert habe und nicht mehr in mein bisheriges Leben zurückfinde?

Es war wie ein Knoten im Kopf, der sich immer weiter drehte. Die Gedanken wirkten sachlich. Vernünftig. Fast wie Wahrheit. Und gerade deshalb waren sie so überzeugend. Sie erzeugten Angst. Starke Angst. Ein leises, zermürbendes Nagen, das von innen Kraft zog.

Und immer, wenn ich bemerkte, dass ich in diesen Zweifelgedanken hing, lauschte ich nach innen. Ich fragte mich: Was sagt mein Herz dazu? Und jedes Mal, wenn ich mich mit meinem Herzen verband, war da weiterhin dieses innere Ja.

Gleichzeitig war dieses Ja nicht starr. Ich hielt mir offen, den Weg abzubrechen, wenn sich mein inneres Ja in ein Nein verwandeln würde. Das war wichtig. Denn Vertrauen bedeutete für mich nicht, blind weiterzugehen. Vertrauen bedeutete, wach zu bleiben und immer wieder zu prüfen, was wirklich aus meinem Inneren kommt.

So erkannte ich nach und nach: Diese Zweifelgedanken tauchten zwar in mir auf, aber sie kamen nicht aus meinem tiefsten Inneren. Sie klangen vertraut – und waren doch nicht wirklich meine.

Und bald schon zeigte sich: Es blieb nicht bei Gedanken und Gefühlen.

Wenn der Körper reagiert

Was mich innerlich bewegte, begann sich im Körper auszudrücken – deutlich und kompromisslos: Schmerzen im unteren Rücken und im Kreuzbein, Magenschmerzen, Übelkeit, Brechreiz, Bauchkrämpfe, Durchfall. Dazu innere Kälte, bleierne Müdigkeit, Schwäche. Kein Appetit, kaum Hunger oder Durst.

Die Symptome legten mich lahm. Ich sagte Termine ab. Ich lag flach – eine Wärmflasche auf dem Bauch – und selbst das Liegen forderte Kraft. 

Und gleichzeitig war da etwas Paradoxes: Sobald ich aufstand, spürte ich Boden. Eine Art innere Stabilität. Etwas in mir hatte Kraft und war nicht krank. Zwei Ebenen, die nicht zusammenpassen wollten: Ein Teil fühlte sich vollkommen erschöpft an – als könnte er jeden Moment zusammenbrechen. Ein anderer blieb ruhig und klar – wie zarte Sonnenstrahlen durch schwere Zweifelwolken.

Gerade dieser Widerspruch führte mich tiefer.

Die entscheidende Erkenntnis

Irgendwann tauchten Erinnerungen an meine Jugend auf – an eine Zeit, in der meine Mutter stark überfordert war: Müdigkeit, Erschöpfung, Krankheit und immer wieder Arztbesuche. Ständig neue Diagnosen, die die vorherigen in Frage stellten. Mit der Kraft der Jugend hatte ich diese für mich sehr belastende Zeit verdrängt. 

Vor dem Dunkelretreat kam alles wieder hoch. Massenhafte Gedanken überfluteten mich. Es war wie ein Hamsterrad, in dem sich alles nur noch um Müdigkeit, Erschöpfung, Schlappheit, Krankheiten und Arztbesuche drehte. Pausenlos. Schon das Zuhören dieser Gedankenwelt erschöpfte mich.

Und dann kam der Moment, der alles ordnete: Ich erkannte, dass diese Gedanken in meinem Körper ähnliche Symptome erzeugten, wie ich sie damals bei meiner Mutter miterlebt hatte. Die Symptome erschienen, sobald diese Erschöpfungsgedanken in mir aktiv wurden – und sie begannen sich zu lösen, sobald ich die Ursache erkannte. Nicht unmittelbar, sondern innerhalb von Stunden, manchmal erst nach einem bis anderthalb Tagen.

Wichtig daran war: Die Symptome verschwanden nicht durch Wegmachen oder Aushalten. Sondern durch fühlende Erkenntnis – und durch erwachsene Klärung mit meiner inneren Mutter.

Der eigentliche Wendepunkt war, dass ich diese Gedanken als fremd erkannte. Dadurch konnte ich sie bewusst aus meinem Feld nehmen und innerlich in meine eigene Spur zurückkehren: zurück in mein Feld, auf meinen Boden.

In diesem Moment veränderte sich etwas Grundlegendes. Mein Denken kehrte in meine Wahrheit zurück. Ich dachte wieder Gedanken, die wirklich mit mir im Einklang waren. Das veränderte sofort meine Gefühlslage. Nicht mehr: „Ich bin krank, ich muss das Dunkelretreat absagen.“ Sondern stille Freude über die Erkenntnis.

Meine Gefühlswelt entspannte sich – und mein Körper reagierte fast unmittelbar mit einer anderen Biochemie. Einer Biochemie, die meinen wohlwollenden Gedanken entsprach.

Erschöpfung: kein Burnout, sondern ein Übergang

Parallel zu dieser Gedankenklärung zeigte sich eine tiefe Müdigkeit. Eine Erschöpfung, die – von außen betrachtet – leicht als Burnout gelesen werden könnte.

Doch innerlich fühlte es sich anders an.
Ich stand seit Monaten in tiefen Prozessen, hatte kaum echte Pausen, begleitete gleichzeitig Klienten, hielt Seminare, erstellte Videos – und bewegte mich durch Schichten, die sich alt anfühlten. Das kostete Kraft. Nicht, weil der Prozess an sich erschöpfend war, sondern weil er uralte Ebenen berührte: Schichten, die mich schon als Kind erschöpft hatten – und mit denen auch meine Ahnen schon zu tun hatten.

Und dennoch: Ich bin nicht zusammengebrochen.
Etwas in mir stand – auf einem inneren Boden, der über viele Jahre gewachsen war.

Was mich besonders berührte: Etwa zwei Wochen vor dem Eintritt in den Dunkelraum begann etwas in mir zu sinken. Mein System ließ los, als wüsste der Körper bereits: Da kommt bald ein Raum, der trägt. Ein Raum, der warm ist. Still. Schützend. Behütend.

Diese Müdigkeit war kein Problem. Sie war auch nicht einfach ein Burnout-Symptom, wie mein Kopf zunächst immer wieder dachte. Sie war ein Übergang: ein Herunterfahren aus dem Alltagsbewusstsein hinein in Rückzug, Stille und Regeneration.

Früher hätte ich dieses Absinken als Warnsignal gedeutet und dagegengehalten. Heute nehme ich die feine Sprache meines Körpers bewusster wahr. Ich spüre genauer, wann etwas wirklich zu viel ist – und wann mein System beginnt, sich auf einen tieferen Raum auszurichten.

Darin lag auch Freiheit: innerlich immer wieder neu zu prüfen, ob der Weg noch stimmig ist. Gehe ich weiter – oder lasse ich das Retreat los?

Eine andere Art von Klärung: Kontakt statt Kontrolle

Diese Zeit ließ sich nicht durch Technik lösen. Sie forderte etwas anderes: Präsenz.

Nicht alles verstehen. Nicht sofort einordnen. Nicht reflexhaft deuten. Sondern beobachten. Da sein. Bleiben – auch mit dem, was sich unangenehm anfühlte.

Genau hier lag ein feiner, entscheidender Punkt: Gedankenhygiene ist kein mentales Optimieren. Sie ist ein Akt von Selbstachtung. Nicht, weil ich jeden Gedanken kontrollieren müsste, sondern weil ich lernte zu unterscheiden: Was gehört wirklich zu mir – und was nicht?

Manchmal fühlte sich diese Klärung an, als würde ich den Weltraum von Sternen reinigen wollen: unmöglich, endlos, überfordernd. Genau an dieser Stelle war ich früher oft umgedreht – nicht, weil es wirklich nicht ging, sondern weil ich den Gedanken geglaubt hatte, die sagten: „Das schaffst du nie.“

Dieses Mal blieb ich mit dem miesen Gefühl, statt es wegzudrücken. Ich fühlte, was da war – und erkannte: Auch diese Gedanken waren nicht meine Wahrheit.

Das veränderte alles.

Nicht‑Wissen: eine Leere, die Angst macht – und heilig ist

Je näher das Retreat rückte, desto deutlicher wurde noch etwas, das ich so von meinen früheren Dunkelretreats nicht kannte: Nicht-Wissen.

Wenn ich in die Zeit danach fühlte, war da kein Bild. Kein Plan. Kein Halt, an dem mein Kopf sich festhalten konnte. Nur Leere. Diese Leere machte mir Angst – und zugleich lag auf einer tieferen Ebene etwas Heiliges darin.

Früher hätte ein leerer Kalender existenzielle Angst in mir ausgelöst. Heute war da immer noch Angst. Aber daneben zeigte sich etwas Neues: der Impuls, diese Leere zu schützen. Sie nicht sofort mit Bekanntem zu füllen. Sie nicht vorschnell zu beruhigen. Sie offen zu lassen.

Es fühlte sich an wie der Moment der Raupe: So, wie sie ist, kann sie nicht bleiben. Sie geht in das Dunkel des Kokons – ohne zu wissen, was geschieht.

Der Schmetterling als Hinweis auf Wandel

In den letzten Tagen vor Beginn meines 49-Tage-Dunkelretreats begegnete mir mehrfach das Bild des Schmetterlings – durch Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Ich nahm es wie einen äußeren Hinweis auf etwas, das sich vielleicht in mir vollziehen wollte: Übergang. Metamorphose. Das Sterben einer alten Form.

Vielleicht war genau das der Kern dieser Zeit vor dem Dunkelretreat: Strukturen, Erklärungen und alte Selbstbilder begannen sich zu lösen. Es wurde leerer – und zugleich tiefer. Mein System fuhr bereits herunter. Als würde mein Körper sich erinnern, wie Dunkelzeit geht.

Weder am Schmerz festhalten noch am Licht

Kurz vor dem Eintritt in den Dunkelraum wurde mir noch einmal klar, was dieses Retreat im Kern berühren könnte:

Nicht auszuweichen. Weder dem Unangenehmen noch dem Schönen.

Denn auch am Licht kann Anhaftung entstehen. Vielleicht sogar besonders leicht, weil es so schön ist und der Wunsch auftaucht: „Hier will ich bleiben.“

Ich spürte, dass dieses Retreat eine Schulung darin werden könnte, weder am Schmerz festzuhalten noch am Licht. Sondern da zu sein. Die Wirklichkeit sich zeigen zu lassen, ohne nach ihr zu greifen.

Ein Rahmen von außen – und das Unbekannte

Mein viertes Dunkelretreat sollte diesmal wissenschaftlich begleitet werden: mit Gesprächen und standardisierten Fragebögen vor, während und nach dem Retreat. Der Schwerpunkt der Auswertung sollte danach liegen. Dafür wurde extra ein psychiatrisches Gutachten erstellt – ohne Bedenken.

So entstand ein äußerer Rahmen. Und dennoch blieb das Wesentliche unplanbar. Erst das Dunkel würde zeigen, was sich trägt und was nicht.

Wir konnten Bedingungen schaffen und einen Rahmen entwickeln. Aber das Eigentliche blieb der Erfahrung vorbehalten.

Der Moment kurz davor: ein stilles Ja

Kurz vor dem Eintritt in den Dunkelraum wurde es stiller in mir.

Die letzten Monate – Zweifel, Klärung, Müdigkeit, Nicht-Wissen – hatten mich an diesen Punkt geführt: zu einem tiefen Ja.

Nicht, weil ich wusste, was geschehen würde. Sondern weil etwas in mir bereit war, weiterzugehen. Ich gehe. Ich trete ein. Ich stelle mich der Ungewissheit, mir selbst und dem Unbekannten.

Fazit: Die Zeit davor war Rückkehr

Ein Dunkelretreat begann für mich nicht erst mit der Dunkelheit.
Es begann vorher – mit Bewusstheit.

Mit der Fähigkeit zu unterscheiden: Was gehört zu mir? Und was nicht?
Mit dem Mut, Nicht-Wissen auszuhalten, ohne es sofort zu füllen.
Und mit der Bereitschaft, in einen Raum zu gehen, der nicht planbar war.

Gedankenhygiene war dabei kein mentaler Trick.
Sie war Selbstachtung.

Und die Zeit vor dem 49-Tage-Dunkelretreat war – im Kern – eine Rückkehr zu mir selbst.

Wenn du diesen inneren Prozess nicht nur lesen, sondern direkt miterleben möchtest, findest du alle Phasen dieser Zeit vor dem 49-Tage-Dunkelretreat auch in einer zusammenhängenden Video-Serie.

Dort teile ich die einzelnen Abschnitte genau so, wie sie entstanden sind:

  • die Erschöpfung und das innere Absinken vor dem Retreat
  • die intensive Klärung der Gedanken
  • die Erkenntnis, dass bestimmte Gedanken nicht meine Wahrheit waren
  • der Übergang ins Nicht-Wissen
  • und der letzte Moment vor dem Eintritt in den Dunkelraum

Hier findest du die komplette Playlist mit allen Videos zur Vorbereitung:

🎥 49 Tage Dunkelretreat – Warum ich in die Dunkelheit gehe

Inhalt

Saskia John

Über die Autorin:

Saskia John wurde in der ehemaligen DDR geboren und studierte dort Veterinärmedizin. Nach der Wende absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Seit 1994 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis. Sie unterstützt Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu Heilung und spirituellem Wachstum.
Dabei greift sie auf langjährige Erfahrung in der Trauma Heilung, Inneren-Kind-Arbeit und in der Begleitung von Dunkelretreat-Prozessen zurück. Ihre Arbeit ist geprägt von Reisen nach China und Japan, die sie mit fernöstlichen Heilmethoden in Berührung kommen lassen.
Das Dunkelretreat ist ihr Herzens- und Forschungsprojekt. Sie selbst verbrachte insgesamt 111 Tage in absoluter Dunkelheit. „26 Tage Dunkelheit – Ein Bewusstseins-Experiment“ ist ihr zweites Buch.

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