Druckauslösende Aussagen: Wie scheinbar harmlose Erwachsenenkommentare Kinder schwer belasten können

Worte mit Wirkung - druckauslösende Aussagen bei Kindern - Saskia John

Inhalt

Einführung

Viele von uns sind mit Sätzen wie „Weil ich das sage!“ oder „Du musst dich mehr anstrengen!“ aufgewachsen. Leider werden diese Aussagen auch heute noch häufig gegenüber Kindern verwendet.

Aus eigener Erfahrung kenne ich die Auswirkungen solcher Kommentare und möchte daher dieses Thema aufgreifen, um die Folgen solcher scheinbar harmlosen Alltagsäußerungen näher zu beleuchten.

Obwohl diese Äußerungen auf den ersten Blick unverfänglich erscheinen mögen, können sie Kinder unter erheblichen Druck setzen und zu Ablehnungsgefühlen führen.

Im ersten Teil meiner umfassenden Beitragsserie werde ich drei konkrete Beispiele für häufige druckauslösende Aussagen analysieren und darlegen, wie diese vermeintlich unschuldigen Bemerkungen das Selbstwertgefühl und die Entwicklung von Kindern negativ beeinflussen können.

Worte mit Wirkung: 3 druckauslösende Aussagen 

„Weil ich das sage!“

Ich beginne mit einer Situation, die ich selbst in der Bahn erlebt habe:

Ein etwa 4-jähriges Mädchen wendet sich an seine Mutter, die auf ihr Handy schaut, und fragt leise: “Kann ich etwas trinken?”

Die Mutter antwortet, ohne vom Handy aufzuschauen: “Nein.”

Das Kind schaut weiterhin zu seiner Mutter: “Warum darf ich nichts trinken?”

Die Mutter, immer noch auf ihr Handy fixiert, antwortet mit genervtem Unterton: “Darum nicht.”

Es ist deutlich zu sehen, dass das Kind die Antwort der Mutter nicht nachvollziehen kann. Sie wagt einen weiteren Versuch: “Aber warum denn nicht?”

Die Mutter reagiert zunehmend barscher: Weil ich das sage. Hör endlich auf zu fragen!”

Sie verändert ihre Sitzhaltung, dreht sich mehr zum Fenster und schaut weiter ins Handy. Ihr halber Rücken ist jetzt dem Kind zugewandt.

Das Kind schweigt, zieht sich in sich selbst zurück und schaut auf den Boden. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist sichtbar gestört.

Das Kind kämpft mit den Tränen, weint jedoch nicht, sondern schluckt sie hinunter. Die Situation tut dem Kind weh. Das Mädchen steht unter emotionalem Druck.

Die Mutter bemerkt und empfindet es nicht.

Welche Folgen hat diese Erwachsenenaussage?

Die Folgen solcher Aussagen und Beziehungsabbrüche können schwerwiegend sein. Das erlebe ich täglich in meiner Praxis. Klienten kommen in eine Krise, weil genau solche nichtssagenden Antworten und der damit verbundene emotionale Schmerz in ihrem Inneren wieder auftauchen.

Solche barschen Aussagen wirken wie Stoppschilder, die die Energie des Kindes abrupt stoppen. Das tut dem Kind weh und löst berechtigten Ärger aus.

Warum? Das kindliche Bedürfnis, nachvollziehbare Antworten auf Fragen zu erhalten und ernstgenommen zu werden, wird in diesem Moment nicht erfüllt.

Auch das physische Bedürfnis, etwas zu trinken, bleibt unerfüllt. Ebenso werden die Grundbedürfnisse des Kindes nach Nähe, Liebe, Beziehung und Verständnis nicht erfüllt.

Ein Kind, das solche gereizten Antworten erhält, kann die Liebe der Mutter in dem Moment nicht fühlen. Für das Kind steht mit der nicht gefühlten Liebe auch das Wichtigste auf dem Spiel: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Denn es ist gänzlich von den Erwachsenen abhängig.

Keine Zugehörigkeit zu spüren, löst im Kind eine existenzielle Angst aus, da es ohne Erwachsene nicht überleben kann. Infolgedessen springt im Kind der Überlebensmechanismus (Angriff, Flucht, Totstellen) an. Starke Gefühle wie Wut, Traurigkeit oder Scham können das Kind überfluten. Das Kind wird sich zurückziehen und still sein. Oder das Gegenteil – sehr laut sein und sich immer in den Vordergrund drängen, um Aufmerksamkeit und Liebe zu erhalten. Vielleicht zeigt es auch andere Verhaltensauffälligkeiten wie Nägelkauen, Daumenlutschen oder Einnässen.

Ein kleines Kind wird sich zudem schuldig fühlen, weil es die Schuld für die Gefühle der Mutter bei sich sucht. Es kann es noch nicht anders einordnen.

Warum verhalten sich Erwachsene Kindern gegenüber so? 

Warum sind solche Sätze wie „Weil ich das sage!“ nichtssagend? Weil diese Aussagen inhaltslos sind und nicht auf die Frage des  Kindes eingehen. Sie lassen das Kind im Unklaren und unterbrechen den verbalen und energetischen Austausch – oft ohne böse Absicht der Erwachsenen.

Ein Erwachsener weiß innerlich, dass er der Frage des Kindes ausweicht und blockt, ohne dem Kind zu erklären, warum er so handelt.

Denn im Grunde weiß der Erwachsene selbst weder eine logische Antwort auf die Frage des Kindes noch warum er so handelt. Wenn er eine angemessene Antwort auf die Frage des Kindes hätte, würde er nicht auf diese Weise reagieren.

Solche Aussagen sind eine Folge eigener Hilflosigkeit, Ohnmacht und innerer Trennung. Das Herz spricht nicht auf diese Weise mit einem Kind.

Druckauslösende Aussagen vermeiden – was Erwachsene proaktiv tun können

Oft sind uns unsere eigenen Traumata nicht bewusst, da wir es schon immer so erlebt haben. Wir hinterfragen daher manchmal unser Verhalten gegenüber Kindern nicht, sondern halten es für normal.

Mit der Zeit kann uns jedoch unser vergangenes Verhalten in unseren Kindern und Enkeln wieder begegnen und auf uns zurückwirken.

Dann kann es sein, dass uns das Verhalten unserer Kinder oder Enkel stört. Manchmal ärgern wir uns sogar über “die Jugend” und kritisieren sie dafür, dass sie sich nicht zu benehmen wissen, keinen Respekt zeigen oder sich frech und unsozial verhalten.

Es scheint, als würden wir der nachfolgenden Generation ihr Verhalten vorwerfen, was die Spannungen zwischen den Generationen nicht löst. In solchen Momenten vergessen wir oft, dass wir durch unser eigenes Verhalten in der Kindheit unserer Kinder zu dem beigetragen haben könnten, was sie heute sind.

Dies erscheint aus meiner Sicht unlogisch! Zuerst formen wir durch unser Handeln die Zukunft unserer Kinder. Später jedoch verurteilen oder kritisieren wir sie dafür, was sie geworden sind.

Dabei könnte es so einfach sein: Wenn ich als Erwachsener möchte, dass Kinder sich sozial verhalten, Respekt zeigen, freundlich und höflich sind, dann müsste ich ihnen diese Werte nur 18 Jahre lang vorleben – von Beginn ihres Lebens an.

Ich müsste nur ein Vorbild sein und mich respektvoll gegenüber dem Vater oder der Mutter des Kindes, dem Kind selbst, meinen Eltern, Schwiegereltern, Freunden, Kollegen und allen anderen Menschen verhalten. Konsequent! Dann spiegeln uns die Kinder das wider, wenn sie erwachsen sind.

Druck auf ein Kind auszuüben, das dem Erwachsenen gegenüber nicht gewachsen ist, ist nur dann scheinbar notwendig, wo der Erwachsene selbst unter Druck steht.

“Du musst dich mehr anstrengen!“

Kinder fühlen sich unter Druck gesetzt, wenn von ihnen erwartet wird, besser zu sein.

Hilfreicher wäre es, ihre individuellen Stärken zu sehen und zu fördern. In der Aussage „Du musst dich mehr anstrengen!“ können verschiedene versteckte Botschaften mitschwingen:

 Kritik an der Leistung des Kindes und fehlende Anerkennung

Das Kind bekommt vermittelt, dass seine Bemühungen nicht genügen und dass es das eigentlich besser könnte.

Dabei rückt der Fokus auf das, was aus Sicht des Erwachsenen nicht optimal ist oder verbessert werden könnte. Die Leistung des Kindes wird dabei weder anerkannt noch gewürdigt. Doch Fakt ist: Wenn das Kind es schon besser könnte, würde es das auch “besser” machen. Das Kind interpretiert die Aussage “Du musst dich mehr anstrengen!” als Zeichen, dass es nicht genügt oder nicht erfolgreich ist.

Dies kann dazu führen, dass das Kind sich minderwertig oder unzulänglich fühlt, als ob es nicht ausreicht. Weil es sich unverstanden fühlt, wird es sich zurückziehen und in den Widerstand gehen.

Erwachsene interpretieren dieses Verhalten oft als Widerstand gegen die Handlung selbst, und beurteilen Kinder dann als bockig oder trotzig. Tatsächlich jedoch ist der Widerstand des Kindes gegen den emotionalen Schmerz, den es empfindet, nicht gegen die Handlung an sich. Dies ist ein wichtiger Unterschied.

Es ist entscheidend, dass Erwachsene dies erkennen und liebevoll reagieren, anstatt von Kindern ein anderes Verhalten zu erwarten.

Druck zur Leistungssteigerung

Die Aussage “Du musst dich mehr anstrengen!” kann implizieren, dass das Kind seine Anstrengungen erhöhen muss, um den Erwartungen des Erwachsenen gerecht zu werden. Dies kann zu Stress und Überforderung beim Kind führen, was sich wiederum in Schwierigkeiten äußern kann, sich zu entspannen, gut ein- und durchzuschlafen oder Freude an seinen Aktivitäten zu finden.

Zusätzlich kann die Aussage dem Kind vermitteln, dass seine erbrachte Leistung keine Anerkennung verdient, da sie nach dem Urteil des Erwachsenen nicht (oder nie) ausreichend ist.

Diese Erfahrung kann dazu führen, dass das Kind sich minderwertig und nicht gut genug fühlt.

Fehlende Unterstützung

Die Aussage” Du musst dich mehr anstrengen!”, kann auch signalisieren, dass das Kind keine Unterstützung erhält. Das kann dazu führen, dass das Kind glaubt, stets alle Herausforderungen allein bewältigen zu müssen. Dadurch fühlt es sich möglicherweise allein gelassen, nicht unterstützt und überfordert.

Die Folge kann sein, dass das Kind sich isoliert und Schwierigkeiten hat, um Hilfe zu bitten oder Unterstützung anzunehmen.

Druck auf Kinder auszuüben kann dazu führen, dass diese ihre individuellen Stärken nicht entfalten können, da sie versuchen, den Erwartungen zu entsprechen, um sich geliebt und anerkannt zu fühlen. Dies kann zu einem Teufelskreis für das Kind werden, insbesondere solange es klein und den Erwachsenen nicht gewachsen ist.

Das vollständige Video zur Aussage findest du hier: 

Worte mit Wirkung (2): Psychische Last – Elternworte und ihre Folgen für Kinder

“Warum kannst du nicht wie deine Schwester sein?”

Vergleiche mit Geschwistern beeinflussen das Selbstwertgefühl negativ, da impliziert wird, dass die Schwester (oder der Bruder) besser ist als das Kind selbst. Das Kind könnte glauben, dass die Schwester mehr geliebt wird, weil sie besser ist und dafür Anerkennung erhält, was das Kind mit Liebe gleichsetzt. Anerkennung lässt das Kind sich gesehen und geliebt fühlen.

Das erzeugt im Kind Druck und führt dazu, dass es glaubt, besser sein oder sich anders verhalten zu müssen.

Das Kind kann noch nicht erkennen, dass der Vergleich mit der Schwester lediglich eine Bewertung ist, die aus unverarbeiteten Trauma des vergleichenden Erwachsenen stammt und nichts mit dem Kind zu tun hat.

Jedes Kind ist einzigartig und möchte so akzeptiert werden, wie es ist. Vergleiche mit anderen tun dem Kind emotional weh und werden ihm nicht gerecht.

Das vollständige Video zur Aussage findest du hier: 

Druckauslösende Aussagen (3): Warum der Vergleich mit Geschwistern schadet

Fazit – Bewusster kommunizieren 

Mit meiner Beitragsserie über druckauslösende Aussagen möchte ich sensibilisieren und Eltern, Erziehungsberechtigten und anderen Erwachsenen, die mit Kindern zu tun haben, Anregungen geben, bewusster in ihrer Kommunikation mit Kindern zu sein.

Es ist wichtig, das Bewusstsein für die oft ohne böse Absicht gesagten Aussagen zu schärfen und darauf hinzuweisen, was diese Sätze manchmal unbewusst energetisch zwischen den Zeilen vermitteln und welche gravierenden Auswirkungen sie auf Kinder haben können.

Innerer Druck entsteht durch unverarbeitetes Trauma aus der Vergangenheit. Durch eine bewusste Kommunikation mit den Kindern sorgen wir dafür, dass Traumata durch druckauslösende Aussagen weder entstehen noch von Generation zu Generation weitergegeben werden. So fördern wir den Aufbau einer stabilen und harmonischen Eltern-Kind-Beziehung.

Sich bewusst mit druckauslösenden Aussagen auseinanderzusetzen, hilft uns zu reflektieren, warum wir manchmal solche Sätze äußern. Dies unterstützt uns auch dabei, unsere eigenen emotionalen Wunden zu erkennen und nachhaltig zu heilen.

Inhalt

Saskia John

Über die Autorin:

Saskia John wurde in der ehemaligen DDR geboren und studierte dort Veterinärmedizin. Nach der Wende absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Seit 1994 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis. Sie unterstützt Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu Heilung und spirituellem Wachstum.
Dabei greift sie auf langjährige Erfahrung in der Trauma Heilung, Inneren-Kind-Arbeit und in der Begleitung von Dunkelretreat-Prozessen zurück. Ihre Arbeit ist geprägt von Reisen nach China und Japan, die sie mit fernöstlichen Heilmethoden in Berührung kommen lassen.
Das Dunkelretreat ist ihr Herzens- und Forschungsprojekt. Sie selbst verbrachte insgesamt 62 Tage in absoluter Dunkelheit. „26 Tage Dunkelheit – Ein Bewusstseins-Experiment“ ist ihr zweites Buch.

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